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Kokoschka und die Schweiz

Sowohl der künstlerische als auch der schriftliche Nachlass Kokoschkas befindet sich heute in der Schweiz. Nach seinem Exil in London, wohin er sich vor den Nationalsozialisten geflüchtet hatte, liess sich Kokoschka in einer kleinen Villa in Villeneuve, unweit des Château Chillon, am Genfersee nieder, wo er von 1953 bis zu seinem Ableben 1980 die längste Zeit seines Lebens wohnhaft war.

Kokoschka zog es nach Ende des Zweiten Weltkriegs in die Gegend zurück, in die ihn sein Freund und Förderer Adolf Loos erstmals Anfang Januar 1910 mit der Aussicht auf Porträtaufträge gelockt hatte. In Les Avants malte er das berühmte Landschaftsgemälde Les Dents du Midi. In Yvorne porträtierte er den Naturforscher, Psychiater und Sozialreformer Auguste Forel, dessen Konterfei bis 1998 die Schweizer 1000er-Banknote zierte. Danach setzte Loos seinen Schützling im Lungensanatorium Mont Blanc in Leysin ab, wo er Porträts tuberkulöser Adliger malte, die heute als Inbegriff des expressionistischen Menschenbildes gelten. Wiederum durch die Vermittlung des Wiener Architekten zeigte das Kunsthaus Zürich 1913 zwölf Porträts, deren Anblick die Besucher erschreckt zurückweichen liess. Es sei «als ob E.T.A. Hoffmannsche Gestalten im Flackerlicht der Kneipe plötzlich auftauchen», witzelte die Zürcher Post über Kokoschkas erste Ausstellung auf Schweizer Boden. Vier Jahre später wurde das österreichische Multitalent in Zürich als Bühnenautor vorstellig. Am 14. April 1917 erfolgte im Cabaret Voltaire die Uraufführung seiner Komödie Sphinx und Strohmann. Marcel Janco übernahm die Regie und entwarf die Masken, Tristan Tzara spielte den Papagei, Emmy Hennings die untreue Anima, Friedrich Glauser den Tod und Hugo Ball den betrogenen Gatten Firdusi. Das Chaos, das an jenem Abend auf der Bühne des Cabaret Voltaire tobte, beschreibt Ball in Die Flucht aus der Zeit (1927): «Schliesslich als Herr Firdusi fallen musste, verwickelte sich alles in den gespannten Drähten und Lichtern. Einige Minuten lang war völlige Nacht und Konfusion.»

Kaum hatte Kokoschka seine erste Lebensstelle als Professor an der Dresdner Kunstakademie, da wünschte er sich schon wieder an den Genfersee, wie er Freunden in einem Brief von November 1919 gesteht: «Wenn Ihr in der Schweiz, in Vevey oder wo am Genfersee, wo meine Seelenheimat ist, einen wahrhaften Kunstfreund entdecken würdet, der mir dort 100'000 Frs. und ein kleines Häusl mit Weinreben vorstreckt, so würde ich ihm 5 Jahre lang mein ganzes Atmen und Lieben, oder noch klarer alles Wunderschönste restlos geben, was ich nur erträumen, malen und dichten kann.» Im August 1923 hielt ihn nichts mehr in Dresden. Gemeinsam mit seiner Freundin, der russischen Gesangsstudentin Anna Kallin, fuhr er auf schnellstem Wege nach Zürich zur Vorbereitung seiner Ausstellung im Kunstsalon Wolfsberg, von dort weiter nach Luzern, wo er vom Balkon des Grand Hotel National den Blick auf den Vierwaldstättersee und den Bürgenstock malte. In Blonay entstanden zwei Ansichten des Genfersees.

1927 veranlasste die bis dahin grösste Einzelausstellung von Kokoschkas Werk im Kunsthaus Zürich den Künstler zu einem Besuch in der Schweiz. Dass nur eines der 101 ausgestellten Ölgemälde aus einer Schweizer Sammlung, der von Oskar Reinhart stammte, bezeugt das grosse Organisationstalent des damaligen Direktors des Kunsthauses, Wilhelm Wartmann. Zwischen 1913 und 1947 zeigte dieser auf zehn Ausstellungen Werke seines Favoriten. Zu gerne hätte Wartmann das 1954 in Villeneuve gemalte Triptychon der Schlacht bei den Thermopylen in den Neubau des Kunsthauses eingebaut, doch war das Werk der Universität Hamburg versprochen. Auch nach dem Ende der ‹Ära Wartmann› war Kokoschka aus dem Ausstellungsprogramm des Kunsthauses Zürich nicht mehr wegzudenken. Zum 80. Geburtstag 1966 und zum Andenken an seinen hundertsten Geburtstag 1986 ehrte ihn dieses mit je einer grossen Ausstellung.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gelangten bedeutende Werke des Malers in die Schweiz. Die Schwedin Nell Walden, zweite Gattin von Kokoschkas frühem Weggefährten Herwarth Walden, deponierte 1936 die sogenannte Sturm-Sammlung im Berner Kunstmuseum, in der Kokoschka zusammen mit Chagall am besten vertreten war. Durch die Versteigerung von 125 in deutschen Museen konfiszierten Kunstwerken, darunter 9 Gemälde Kokoschkas, im Grand Hotel National in Luzern am 30. Juni 1939 half der Schweizer Kunsthändler Theodor Fischer den Nationalsozialisten, möglichst viel Gewinn mit dem «Mist» (Zitat von Goebbels) zu machen. Der Direktor des Kunstmuseums Basel Georg Schmidt reiste noch vor der berüchtigten Luzerner Auktion nach Berlin, um sich aus dem Lager der beschlagnahmten Werke einige besonders wertvolle Stücke auszuwählen, darunter Kokoschkas berühmtestes Gemälde, Die Windsbraut. Erleichtert über die Rettung seiner konfiszierten Gemälde jubilierte Kokoschka nach der Luzerner Auktion in England: «Gloria and Hosanna I sang after that terrible week.»

Der erste Grund für den Künstler, nach seinem neunjährigen Exil wieder das Festland zu betreten, war die grosse Retrospektive in der Kunsthalle Basel im Frühjahr 1947. Das freudige Wiedersehen mit 65 Gemälden und fast 200 graphischen Arbeiten machte Kokoschka bewusst, dass mehr als erhofft von seinem Werk den Krieg unbeschadet überstanden hatte. Euphorisch schrieb er nach der Vernissage an seine Schwester in Prag: «Ich habe in Basel in 9 Tagen mehr, tausend mal mehr erreicht als in 9 Jahren in London.» Angesichts des Besucherzustroms schrieb der Leiter der Kunsthalle Lucas Lichtenhan, Basel habe sich in «eine Hochburg des O.K.-ismus» gewandelt. Auf der Suche nach beruflichen Perspektiven und Kontakten zu Schweizer Kunstmäzenen blieb Kokoschka fast das ganze Jahr in der Schweiz, malte Gebirgslandschaften, Porträts und publizierte Kostproben seines literarischen Schaffens in der Neuen Zürcher Zeitung. Der Winterthurer Musikmäzen Werner Reinhart ermöglichte ihm längere Aufenthalte in Sierre, während denen Kokoschka ein Bildnis seines Gastgebers malte, das dieser zu seiner grossen Enttäuschung nicht kaufte. Auf der Riffelalp, am Fusse des Matterhorns, fand der Maler schliesslich den idealen Ort, um seine Staffelei aufzubauen und malte gleich zwei Ansichten des Berges. Als die Basler Ausstellung im Sommer 1947 ins Kunsthaus Zürich wanderte, konnte Kokoschka bereits zwei Walliser Gebirgslandschaften hinzufügen.

Der Kauf des Grundstücks in Villeneuve 1951 war nicht nur langgehegter Herzenswunsch, sondern auch marktstrategisches Kalkül. Die Schweiz bot Kokoschka die besten Zukunftschancen, hier hatte er seine treuesten Förderer, zu denen neben Wartmann auch der Winterthurer Anwalt Friedrich Traugott Gubler und sein langjähriger Kunsthändlerfreund Walter Feilchenfeldt zählten. Hier winkten Porträtaufträge und eine zahlungskräftige Klientel. Sein Entschluss, sich ein Haus am Genfersee zu erbauen, erklärte er Ende 1951 in einem Brief an seine Schwester wie folgt: «Dies geschieht nicht aus Besitzerstolz, sondern einfach um irgendwo zentral in Europa und in klimatisch und politisch ruhiger Situation manchmal ausschnaufen zu können.» Der inzwischen 65jährige Künstler sehnte sich danach, endlich sesshaft zu werden. Kokoschka starb 1980 im Alter von 94 Jahren in Montreux. Seine Witwe sorgte dafür, dass auch sein schriftlicher und künstlerischer Nachlass in der Schweiz eine dauerhafte Bleibe fand.