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Ausstellung 2011

Oskar Kokoschka – Wunderkammer / Cabinet de curiosités

Museum Liner Appenzell
11. Juli 2010 – 9. Januar 2011;

Musée des Beaux-Arts in La Chaux-de-Fonds
15. Mai – 4. September 2011

Kokoschka war zeitlebens ein passionierter Sammler, wovon rund 300 Objekte zeugen, die sich im Besitz der Fondation Oskar Kokoschka erhalten haben. Durch die Ausstellung Oskar Kokoschka – Wunderkammer / Cabinet de curiosités und die gleichnamige Begleitpublikation in deutscher und französischer Sprache wurde der Öffentlichkeit erstmals eine Auswahl von Sammlungsstücken aus Kokoschkas Villa in Villeneuve vorgestellt. Es handelt sich um Objekte antiker und fremder Kulturen, um allerlei Kuriositäten, vom Künstler auf seinen unzähligen Reisen erstanden, oder von Freunden als Mitbringsel überreicht. Unterschiedslos reihte er kostbare griechische Vasen, antike Skulpturenfragmente, präkolumbische, byzantinische, ostasiatische, indische, afrikanische und ozeanische Stücke neben Reisesouvenirs und billigen Nippes in Vitrinen und auf Bücherregalen auf. Ganz in der Tradition der Kunst- und Wunderkammern sammelte Kokoschka auch Mineralien, Fossilien, getrocknete Pflanzen, Muscheln, Schmuck, antike Münzen, Kupferstiche und Devotionalien.

Seine Sammelleidenschaft manifestierte sich bereits in jungen Jahren. 1921 teilte er seiner Familie freudig mit, dass ihm der Kunsthändler Victor Wallerstein eine chinesische Maske geschenkt habe, die er zusammen mit seiner «Sammlung» ins elterliche Haus im Wiener Liebhartstal bringen wolle. Bereits am 30. September 1920 wusste seine Mutter ihrer Tochter Berta zu berichten, dass «Oki» in einem Zimmer des Hauses einen «Wundersalon» einrichte.

Ein Vergleich der einzelnen Sammlungsstücke mit seinem bildnerischen Werk ergab, dass viele der Objekte dem Künstler zu Studienzwecken und als ‹Modelle› dienten. Sie finden sich in Ölgemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Lithographien wieder. So prangt beispielsweise auf dem Titelblatt von Kokoschkas Illustrationen zu den Troerinnen von Euripides ein korinthischer Bronzehelm aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., den der Künstler 1960 im Londoner Kunsthandel erworben hatte. In der Korrespondenz von Kokoschka stösst man auf Aussagen, die den Zusammenhang zwischen Sammeltätigkeit und künstlerischem Schaffen bestätigen. So schrieb er am 15. Februar 1954 an seinen Freund Leopoldo Zorzi, er wolle sich zur Anregung für seine Arbeit «Kleinigkeiten, Münzen, Kleinbronzen, kleine Vasen von den geliebten Griechen kaufen». Gerade die antiken Sammlungsstücke waren für ihn wichtige Inspirationsquellen, wie aus einem Brief an seine Schwester vom 1. April 1957 hervorgeht. Darin berichtet er vom Erwerb eines Marmorkopfes der Göttin Athena aus dem 5. Jh. v. Chr. und nennt diesen eine «Trouvaille, die mich wegen der großen Qualität antreiben wird mein Theseusbild zuhause um Vieles besser zu machen». Bei Ankäufen bedeutender antiker Werke liess sich Kokoschka von fachkundigen Freunden beraten, so z. B. von den deutschen Archäologen Roland Hampe und Erika Simon.

Die Ausstellung war ein Gemeinschaftsprojekt der Fondation Oskar Kokoschka, der Stiftung Liner Appenzell und der Kokoschka-Forschungsgruppe des Institut d’histoire de l’art et de muséologie der Universität Neuchâtel. Nach ihrer Premiere im Museum Liner war sie vom 14. Mai bis zum 4. September 2011 im Musée des Beaux-Arts in La Chaux-de-Fonds zu sehen.

Publikation anlässlich der Ausstellung: Oskar Kokoschka – Wunderkammer / Cabinet de curiosités, hrsg. von Régine Bonnefoit und Roland Scotti, mit Beiträgen von Régine Bonnefoit, Roland Scotti, Francine Vuillème, Annette Windisch, Göttingen 2010

Die vier Autorinnen und Autoren der Begleitpublikation hatten sich zur Aufgabe gemacht, das von Kokoschka während jahrzehntelanger Sammeltätigkeit geschaffene Universum anhand von Photos, Briefen, Berichten von Zeitzeugen und den erhaltenen Gegenständen zu rekonstruieren. Die Provenienz der Stücke und die Begleitumstände ihres Erwerbs liessen sich in vielen Fällen durch Archivalien aus dem schriftlichen Nachlass des Künstlers in der Zentralbibliothek Zürich ermitteln. Eine weitere wichtige Quelle für das Studium der einzelnen Sammlungsstücke ist die Nachlassbibliothek des Künstlers. Sie zeugt von den Interessenschwerpunkten und Vorlieben ihres Besitzers und bietet die Möglichkeit zu überprüfen, ob und inwiefern die Lektüre des Künstlers auch auf dessen Werk und Sammeltätigkeit einwirkte. Viele Bücher haben einen direkten Bezug zu den Objekten seiner «Wunderkammer». Sie werden daher im Anhang nach Sammlungsschwerpunkten geordnet aufgelistet.